Vorsorgeausweis lesen: die fünf Zahlen, die wirklich zählen
| 01 | Warum das Dokument so unzugänglich wirkt |
| 02 | Die fünf Zahlen, die zählen |
| 03 | Was der Ausweis nie verrät |
| 04 | Häufige Fragen |
| 05 | Im ganzen Bild statt auf einem Blatt |
Einmal im Jahr schickt Ihnen Ihre Pensionskasse den Vorsorgeausweis. Die meisten schauen auf eine Zahl, finden sie gut oder nicht gut, und legen das Blatt ab. Schade, denn es ist das aussagekräftigste Dokument, das Sie über Ihren Ruhestand besitzen. Und es braucht rund zwei Minuten, wenn man weiss, welche Zeilen zählen.
In einem Satz: Fünf Zahlen auf Ihrem Vorsorgeausweis entscheiden über einen grossen Teil Ihres Ruhestands, und ausgerechnet die voraussichtliche Rente führt am häufigsten in die Irre.
Warum das Dokument so unzugänglich wirkt
Es ist nicht für Sie geschrieben, sondern zur Erfüllung einer Informationspflicht. Deshalb steht alles gleichzeitig darauf, ohne Rangfolge: Beiträge, versicherter Lohn, Invaliditätsleistungen, Hinterlassenenleistungen, Prognosen für drei verschiedene Alter und Ihr Altersguthaben, alles in derselben Schriftgrösse.
Nichts davon ist versteckt. Es ist nur unsortiert. Hier ist die Sortierung.
Die fünf Zahlen, die zählen
1. Altersguthaben, Ihr bisheriger Stand
Was Sie bis heute in der Kasse angespart haben. Das ist die Zahl, die alle suchen, und meist die einzige, die hängen bleibt.
Gut zu wissen: Dieses Guthaben besteht aus zwei Teilen. Dem obligatorischen Teil, den das Gesetz verlangt, und allem darüber hinaus, dem Überobligatorium. Ob Ihr Ausweis das ausweist, ist von Kasse zu Kasse verschieden. Der Unterschied wird bei Punkt 3 wichtig.
2. Voraussichtliche Altersrente
Die Rente, die Sie bei Pensionierung im Referenzalter erhalten würden.
Diese Zahl führt am häufigsten in die Irre, und zwar nicht, weil sie falsch wäre. Sie ist eine Hochrechnung auf Annahmen, und die Annahmen stehen meist im Kleingedruckten daneben: dass Sie weiterarbeiten, ungefähr zum heutigen Lohn, bis zum Referenzalter, bei unveränderten Regeln.
Stellenwechsel, Teilzeit, eine Pause für die Kinder, ein früherer Ausstieg, und die Zahl verschiebt sich. Sie ist keine Prognose Ihres Lebens. Sie ist die Prognose eines bestimmten Lebens, das Sie vielleicht gar nicht führen werden.
3. Umwandlungssatz
Der Satz, der aus Ihrem Guthaben eine lebenslange Jahresrente macht.
Die Rechnung ist simpel: Guthaben bei Pensionierung mal Satz ergibt die Jahresrente.
Nur Rechenbeispiel: Bei einem Satz von 6 Prozent ergeben CHF 100'000 Guthaben CHF 6'000 Rente pro Jahr, lebenslang. Diese 6 Prozent sind der veröffentlichte Satz von niemandem und mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht Ihrer. Sie sind hier gewählt, weil sie sich glatt teilen lassen. Ihr eigener Satz steht auf Ihrem Ausweis, und nur der zählt.
Zwei Dinge, die kaum jemand weiss. Der gesetzliche Mindestsatz gilt nur für den obligatorischen Teil Ihres Guthabens. Viele Kassen sind umhüllende Kassen: Sie decken beide Teile zusammen ab und wenden einen einzigen, tieferen Satz auf das ganze Guthaben an. Das ist zulässig, solange der obligatorische Teil mindestens die gesetzliche Mindestleistung erhält.
Und eine Korrektur zu etwas, das man oft liest. Der gesetzliche Mindestsatz von 6.8 Prozent ist nicht gesunken; die Reform von 2024, die ihn senken wollte, wurde an der Urne abgelehnt. Gesunken ist der Mischsatz, den viele Kassen auf das gesamte Guthaben anwenden, getrieben vom überobligatorischen Teil, weil die Menschen länger leben und die Renditeannahmen tiefer liegen. Wenn Ihr Gesamtsatz also unter 6.8 Prozent liegt, ist das in der Regel kein Fehler auf Ihrem Ausweis.
4. Einkaufspotenzial
Der Betrag, den Sie zusätzlich zu Ihren ordentlichen Beiträgen freiwillig einzahlen dürfen, um die Lücke zwischen Ihrem Guthaben und dem einer lückenlosen Karriere mit Ihrem Lohn zu schliessen.
Ob sich ein Einkauf für Sie lohnt, ist eine eigene Frage, und sie hängt von Ihrem Grenzsteuersatz, Ihrer Gemeinde, Ihrem Zeithorizont und Ihrer Liquidität ab. Stellen können Sie diese Frage aber nur, wenn Sie wissen, dass die Zahl überhaupt existiert.
Eine Regel wird oft übersehen: Nach einem freiwilligen Einkauf dürfen die daraus resultierenden Leistungen während drei Jahren nicht als Kapital bezogen werden. Wer kurz vor der Pensionierung einkauft und später Kapital beziehen möchte, muss die Reihenfolge planen.
5. Versicherter Lohn
Ihre Rente wird nicht auf Ihrem ganzen Lohn aufgebaut, sondern auf Ihrem Lohn abzüglich des Koordinationsabzugs. Den gibt es, weil die erste Säule, die AHV, einen Teil Ihres Einkommens bereits abdeckt.
Genau deshalb treffen Teilzeitarbeit und mehrere kleine Anstellungen die berufliche Vorsorge überproportional. Der Abzug wird so oder so vorgenommen, und von einem kleineren Lohn bleibt danach ein deutlich kleinerer versicherter Lohn übrig. Wer Teilzeit arbeitet, schaut am besten zuerst auf diese Zeile.
Was der Ausweis nie verrät
Das ist die eigentliche Grenze, und keine Kasse verschweigt hier etwas. Sie können es schlicht nicht wissen:
- Ihre AHV. Eine ganz andere Institution. Der Ausweis sagt nichts über Ihre erste Säule und nichts darüber, ob Sie dort Beitragslücken haben.
- Ihre Säule 3a. Liegt bei einer Bank oder Versicherung, auf einem eigenen Beleg.
- Steuern. Weder die Steuer auf einer Rente als Einkommen noch die separate Steuer auf einem Kapitalbezug.
- Ihre Partnerin oder Ihr Partner. Zwei Karrieren, zwei Kassen, zwei Zeitachsen, und ein Haushalt, der gemeinsam ausgibt.
Der Ausweis beantwortet also die Frage "Was schuldet mir diese eine Kasse". Das ist eine kleinere Frage als die, die Sie eigentlich haben.
Häufige Fragen
Bekomme ich den Ausweis automatisch?
In der Regel ja, einmal im Jahr. Falls keiner eingetroffen ist, fragen Sie bei Ihrer Kasse nach, und prüfen Sie, ob sie ihn statt per Post im Online-Portal bereitstellt.
Meine voraussichtliche Rente ist tiefer als letztes Jahr. Habe ich Geld verloren?
Nicht zwingend. Ein tieferer Umwandlungssatz, eine Lohnänderung oder ein geändertes Reglement können die Prognose senken, während Ihr Guthaben ganz normal weiterwächst. Vergleichen Sie über die Jahre das Guthaben, nicht die Prognose.
Soll ich einen Einkauf machen?
Das ist eine persönliche Frage, und dieser Artikel kann sie nicht beantworten. Der Ausweis liefert Ihnen die Obergrenze. Für den Entscheid braucht es Ihre Steuersituation und Ihre Pläne, und es ist sinnvoll, das mit einer Vorsorgespezialistin oder einem Finanzplaner anzuschauen.
Im ganzen Bild statt auf einem Blatt
Ein Vorsorgeausweis beschreibt eine Säule zu einem Zeitpunkt. Die Frage, die Sie tatsächlich haben, nämlich ob es reicht, umfasst drei Säulen, Ihre Steuern, Ihr Wohneigentum und Ihre Partnerin oder Ihren Partner, über jedes Jahr Ihres Lebens.
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